
Wir verreisten nach Riga mit der Fähre, einer wahrlich entspannten und entschleunigten Form des Transports. Wir besuchten die Gemeinschaft der internationalen Montessori Schule Riga, die uns ihre Lernumgebung zeigten und uns verschiedene Sehenswürdigkeiten vor Ort in englischer Sprache vorstellten. Nach einem gemeinsamen Kochen verabredeten wir uns für den nächsten Tag, wo wir an einer besonderen Veranstaltung teilnahmen.
Vom 27. bis 29. März fand in Riga der Montessori Europe Kongress statt, bei dem unter anderem das Adolescent Voice Collective (AVC)im Mittelpunkt stand. Rund 40 Jugendliche und aus Lettland, Polen, Zypern, Schottland, Deutschland und England kamen zusammen, um sich auszutauschen, gemeinsam zu arbeiten, zu feiern und die „Stimme“ junger Menschen innerhalb der Montessori-Bewegung zu stärken. Ausgangspunkt des Treffens war die Vision einer Montessori-Weltschule für Frieden. Dahinter steht der Wunsch, ein internationales Netzwerk zu schaffen, das Jugendlichen Möglichkeiten eröffnet, unkompliziert an Montessori-Schulen zu reisen, sich zu begegnen und gemeinsam an Projekten zu arbeiten bzw. nach der Schulzeit ein ganzes Jahr an verschiedenen Montessori Schulen zu forschen.
Tag 1 – Kennenlernen, Schulvorstellungen und gemeinsames Verständnis
Icebreaker-Aktivitäten, ließen schnell eine offene und vertrauensvolle Atmosphäre entstehen. Die Jugendlichen lernten sich kennen und fanden über spielerische Formate einen Zugang zueinander. Die Mädchen und Jungen stellten ihre eigenen Schulen vor: In kleinen Gruppen präsentierten die Teilnehmenden ihre Montessori-Schulen und stellten anschließend im Plenum jeweils eine andere Schule vor. Dieser Perspektivwechsel förderte aktives Zuhören und ein tieferes Verständnis für die Vielfalt der Erfahrungen. Dabei wurden gemeinsam Erfolge und Herausforderungen gesammelt. Als besondere Stärken der Montessori-Schulen wurden unter anderem benannt: die Freiheit der Themenwahl, individuelles Lernen auf unterschiedlichen Niveaus, Raum für kreative Projekte, Unterricht auf Englisch, die Wahrnehmung der Schüler als Individuen, die Bedeutung ihrer Meinungen für die Gemeinschaft sowie jahrgangsübergreifendes Lernen. Auch die Vorbereitung auf eine globale Welt, Austauschmöglichkeiten durch Erasmus+-Programme und die Montessori Farm als Verbindung von praktischer und akademischer Arbeit wurden hervorgehoben.
Tag 2 – Werte, Bedürfnisse und klare Positionen
Am zweiten Tag arbeiteten die Jugendlichen in wechselnden, international zusammengesetzten Gruppen intensiv zusammen. Im Mittelpunkt standen die Fragen: Woran glauben wir? Was brauchen wir? Was lehnen wir ab? Und wozu verpflichten wir uns? Dabei wurde deutlich, dass viele ähnliche Überzeugungen geteilt werden. Die Jugendlichen betonten, wie wichtig es ist, dass Erwachsene die Perspektive junger Menschen einnehmen, sie ernst nehmen und ihre Sichtweisen verstehen. Als zentrale Bedürfnisse wurden eine bessere Balance zwischen Lernzeit und Freizeit, ehrliches Feedback, Respekt und Motivation formuliert. Gleichzeitig äußerten die Teilnehmenden klare Kritik. Sie lehnten es ab, dass nicht konsequent genug gegen Mobbing vorgegangen wird und dass Unterricht teilweise von der Stimmung der Lernbegleiter abhängt. Als gemeinsame Verpflichtung wurde formuliert, dass Erwachsene die Stimmen und die Energie der Jugendlichen stärker in Entscheidungsprozesse einbeziehen sollen. Am Ende des Tages richtete sich der Blick nach außen: Die Jugendlichen bereiteten gemeinsam ihren öffentlichen Auftritt im Rahmen des Kongresses vor. Ziel war es, ihre Arbeitsergebnisse, Perspektiven und Forderungen im großen Hörsaal der Universität Hunderten von Montessori-Pädagogen aus der ganzen Welt zu präsentieren.
Tag 3 – Präsentation, Emotion und Ausblick
Der Auftritt auf der großen Bühne begann mit einem Impuls von Emma und Peter, die die Idee einer Montessori-Weltschule für Frieden noch einmal eindrücklich vorstellten und in den größeren Zusammenhang der Montessori-Bewegung einordneten. Anschließend übernahmen die Jugendlichen die Bühne – und begeisterten das Publikum. Sie präsentierten ihre Arbeitsergebnisse selbstbewusst und eindrucksvoll und machten ihre Perspektiven sichtbar. Ein besonders bewegender Moment war der Beitrag von Ida, die sehr persönlich und emotional schilderte, welche Bedeutung die Montessori Farm für ihre eigene Entwicklung hat. Ihre Worte machten deutlich, wie prägend die Verbindung von praktischer und akademischer Arbeit mit dem Leben in einer Gemeinschaft, die vor realen Herausforderungen steht, sein kann. Darüber hinaus bezogen die Jugendlichen das Publikum aktiv ein: Sie stellten den anwesenden Pädagogen Fragen dazu, wie diese die Welt der Jugendlichen wahrnehmen und verstehen. So entstand ein Dialog auf Augenhöhe, der zum Nachdenken anregte. Den Abschluss bildete ein gemeinsamer, sehr emotionaler Moment: Alle sangen zusammen das Lied „I have a voice“, geschrieben und komponiert von John Murray aus Hull in England. Die Verbundenheit und die gemeinsame Energie waren deutlich spürbar.
Unsere Erasmus+ Reise nach Riga hat gezeigt, welches Potenzial in der aktiven Beteiligung von Jugendlichen liegt. Das Adolescent Voice Collective versteht sich als wachsendes Netzwerk, das junge Menschen verbindet und ihnen ermöglicht, Bildung aktiv mitzugestalten. Die Vision einer Montessori-Weltschule für Frieden bleibt ein langfristiges Ziel – doch die Begegnungen und Ergebnisse in Riga haben eindrucksvoll gezeigt, dass bereits heute konkrete Schritte in diese Richtung möglich sind.



