Besuch des Montessori-Diplomkurses auf der Montessori-Farm

„Niemals darf man Jugendliche wie Kinder behandeln: 
Sie haben dieses Stadium verlassen, und es ist besser, sie so zu behandeln, als ob ihre Tüchtigkeit größer wäre als sie tatsächlich ist und nicht ihre Verdienste zu bagatellisieren und zu riskieren, das Gefühl ihrer Würde zu verletzten.“ 
Maria Montessori

Am 26. Mai besuchten eine Gruppe von Teilnehmerinnen des Montessori-Diplomkurses des Montessori Labor Berlin unsere Montessori-Farm. Zum Einstieg hielt eine Teilnehmerin, die als Lernbegleiterin an unserer Schule arbeitet, ein Referat zum Erdkinderplan. Sie präsentierte zentrale Gedanken Maria Montessoris zur Arbeit mit 12- bis 18-Jährigen s.u.. Im Anschluss gab es eine Führung durch die vorbereitete Umgebung der Farm. Die Besucherinnen erhielten Einblicke in die vielfältigen Lern- und Arbeitsbereiche: Gartenbau, Tierpflege, handwerkliche Projekte, die Villa mit den Lernräumen und das Farmleben als Ganzes. Dabei wurde deutlich, wie eng Theorie und Praxis miteinander verknüpft sind – und wie Verantwortung, Selbstorganisation und sinnstiftende Arbeit den Alltag der Jugendlichen prägen. Zum Abschluss gab es ein gemeinsames Abendessen. Das von den Jugendlichen frisch gebackene Brot wurde in der Gemeinschaft verspeist. In der offenen Atmosphäre entwickelten sich Gespräche über ihre Projekte und Erfahrungen.

Der Erdkinderplan von Maria Montessori – Ein ganzheitlicher Ansatz für die Bildung Jugendlicher

Maria Montessori (1870–1952) ist vor allem für ihre Pädagogik im frühen Kindesalter bekannt. Sie entwickelte aber auch ein besonderes Bildungskonzept für Jugendliche, den sogenannten „Erdkinderplan“. Schon 1919 /1920 formulierte sie erste Gedanken zu diesem Thema und über mehrere Jahrzehnte hinweg setzte sie sich intensiv mit einem Erziehung- und Bildungskonzept auseinander, dass die besonderen Bedürfnisse von Jugendlichen in den Mittelpunkt stellten. Ihre Überlegung stützte Sie auf Ihre Beobachtungen, die auf ihrer medizinischen Ausbildung basierten und ihrem tiefen Verständnis für die Entwicklungsbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen. 

Über viele Jahre hinweg beobachtete sie genau, wie sich junge Menschen in verschiedenen Lebensphasen verändern. Die Phase der Jugend ist aus ihrer Sicht besonders bedeutsam. Sie ist geprägt von der Suche nach Identität, dem Streben nach Unabhängigkeit einem starken Bedürfnis nach sozialer Eingliederung, emotionaler Unsicherheit und erhöhte Empfindsamkeit. Jugendliche wünschen sich in dieser Zeit vor allem, als wertvolle Mitglieder der Gesellschaft anerkannt zu werden. 

  • Aus der psychischen Sicht: befinden sich Jugendliche in einer labilen Lebensphase – sie sind emotional sensibel, verletzlich und von der Meinung anderer stark beeinflusst. Ihre Beobachtungen, dass ihre intellektuellen Fähigkeiten in dieser Zeit vorübergehend abnehmen, sind neurowissenschaftlich bestätigt.
  • Aus körperlicher Sicht: Sind Jugendliche in der Pubertät anfälliger für Krankheiten, weniger leistungsfähig und brauchen viel Bewegung sowie frische Luft.
  • Und aus sozialer Sicht: verliert die Herkunftsfamilie an Bedeutung. Jugendliche suchen Austausch mit Gleichaltrigen und wollen sich in einer Gemeinschaft engagieren.

Maria Montessori kam zu dem Schluss: Jugendliche brauchen keine klassische Schule.

Sie stellte sich immer wieder die Frage: Was brauchen Jugendliche wirklich, um sich gesund selbstbewusst und selbständig entwickeln zu können. 

Sie kam zu der Lösung – Das Studien- und Arbeitszentrum auf dem Land:

Anstatt einer klassischen Schule schlägt Montessori ein ländliches Lebens- und Lernumfeld vor.  Die Schule soll Jugendlichen helfen, sich selbst und ihre Rolle in der Gesellschaft zu finden und ihr moralisches Bewusstsein ausbilden. Um diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen entwickelte Maria Montessori ein konkretes Modell, das auf 6 zentralen Elementen den sogenannten Säulen des Erdkinderplans basiert. Diese Bausteine bilden gemeinsam eine vorbereitete Umgebung in der die Jugendlichen nicht nur Wissen erwerben, sondern Verantwortung übernehmen, soziale Erfahrungen machen und sich als Teil einer funktionierenden Gemeinschaft erleben können.

Die Säulen des Erdkinderplans

  1. Wohnhaus mit Selbstversorgung:
    Jugendliche leben gemeinsam in einem Haus, das sie selbst verwalten – sie übernehmen Aufgaben wie Kochen, Putzen, Einkaufen und Organisation. Dadurch lernen sie Verantwortung und Zusammenleben auf Augenhöhe. In ihrer Idealvorstellung leben auf dem Gelände sogenannte „Farmeltern“, die dauerhaft anwesend sind und die Jugendlichen im Alltag begleiten. Das ursprüngliche Konzept stößt heute in der praktischen Umsetzung auf große personelle Herausforderung, da es kaum möglich ist pädagogisches Personal zu finden, dass rund um die Uhr auf dem Gelände lebt. Weshalb dieses oft in abgewendeter Form umgesetzt wird u.B. durch zeitlich begrenzte Aufenthalte unter der Woche oder während bestimmter Projektphasen.
  2. Schule für theoretische Arbeit:
    Neben der praktischen Arbeit gibt es weiterhin strukturierten theoretischen Unterricht – entweder im Wohnhaus oder in einem separaten Schulgebäude.
    Dieser Unterricht ist an den Alltag und die Erfahrungen der Jugendlichen angebunden. 
    Sie kam zu der Erkenntnis, dass die Jugendlichen eher von der Praxis ausgehend lernen sollten und das dann zur Theorie hinführen sollte. 
    Diese beiden Bereiche sollten eng miteinander verknüpft werden. 
    Daraus Endstand das, was man „Work & Studies“ nennt.
    Dabei handelt es sich um eine zeitlich begrenzte Lerneinheit die praktische Arbeit mit theoretischen Studien fachübergreifend, kontinuierlich und eng miteinander verknüpft. 
    Die Inhalte entstehen oft aus konkreten Lebenssituation auf dem Gelände. 
    Wie zum Beispiel in Klein Lüben, wo gerade ein Teich gebaut wird.
  3. Bauernhof mit Tieren:
    Der Bauernhof ermöglicht Arbeiten mit Erde, Pflanzen und Tieren.
    Das stärkt nicht nur den Bezug zur Natur, sondern vermittelt auch die Grundlagen von Produktion, Pflege und Nachhaltigkeit.
    Es geht nicht um „Ausbildung zum Bauern“, sondern um Verständnis gesellschaftlicher Grundstrukturen.  
  4. Hofladen und Warenaustausch:
    Produkte vom Bauernhof (z. B. Eier, Honig, Gemüse) werden im Hofladen oder auf Märkten verkauft. 
    Jugendliche lernen dabei wirtschaftliche Abläufe kennen, machen Erfahrungen mit Feedback, Preisgestaltung und Kundenkontakt – 
    Das ist ein echtes Training für Unternehmertum und soziale Interaktion. 
    Die Jugendlichen von der Farm in Klein Lüben, nach Wittenberge zum Markt und verkaufen dort ihre Produkte.
  5. Kleines Hotel oder Gästehaus:
    In einem Gästehaus empfangen die Jugendlichen Besucher. 
    Sie übernehmen Aufgaben wie Gästebetreuung, Reinigung, Kochen und Organisation. 
    Dies fördert soziale Kompetenzen und Dienstleistungsverständnis. 
    Durch die Erasmus+ Projekte kommen Jugendliche mit ihren Betreuern aus verschiedenen Ländern zu Besuch auf der Farm. 
    Sie arbeiten und leben in der Austauschzeit mit unseren Jugendlichen zusammen, dieses ermöglicht den Jugendlichen in den Austausch zu gehen und andere Kulturen kennenzulernen sowie die Sprachen zu erlernen.
  6. Geräte- oder Maschinenmuseum:
    Ein Museum mit alten Werkzeugen und Maschinen macht Geschichte erlebbar. 
    Die Jugendlichen erhalten hier nicht nur theoretische Einblicke in die Arbeitswelt vor Zeiten, sondern kennen selbst praktisch erfahren, wie anstrengend, erfinderisch und handwerklich präzise frühere Tätigkeiten waren. 
    Durch das Ausprobieren historischer Werkzeuge zum Beispiel das Mähen mit der Sense oder das Schmieden Sägen oder Malen mit traditionellen Geräten. 
    Sie können theoretische Erkenntnisse gewinnen – etwa zur technischen Entwicklung oder Arbeitssoziologie. 

Die Rolle der Erwachsenden im Erdkinderplan

Ein zentrales Element des Erdkinderplans ist nicht nur die vorbereitete Umgebung, sondern auch die Menschen, die diese Umgebung mitgestalten. Maria Montessori betonte, dass Jugendliche in dieser sensiblen Entwicklungsphase auf authentische Erwachsene treffen müssen. Menschen, die sich mit Respekt und echtem Interesse auf die Jugendlichen einlassen, mit ihnen zusammenarbeiten, auf Augenhöhe kommunizieren und bereit sind, sich gegenseitig anzupassen und voneinander zu lernen.Die Erwachsenen sollten nicht bloß pädagogisch geschult sein, sondern über Fachkompetenz in einem Bereich verfügen-also zum Beispiel Handwerker, Landwirte, Künstler oder Wissenschaftler, die ihre Spezialkenntnisse in den Alltag einbringen und mit den Jugendlichen konkrete Projekte umsetzen. Diese Experten tragen dazu bei, dass Lernen nicht abstrakt bleibt, sondern lebensnah, handlungsorientiert und motivierend erlebt wird. Ihre Glaubwürdigkeit, Erfahrung und Begeisterung machen sie zu wichtigen Bezugspersonen, die nicht belehren, sondern anleiten, begleiten, und inspirieren. 

Für mich ist der Erdkinderplan von Maria Montessori mehr als ein alternatives Schulmodell- er ist ein umfassendes Bildungskonzept, dass die besonderen Bedürfnisse von Jugendlichen in den Mittelpunkt stellen. 

In einer Lebensphase, die von ihnen die Identitätssuche, emotionaler Unsicherheit und dem Wunsch nach sozialer Zugehörigkeit geprägt ist bietet er einen Raum, in dem junge Menschen verantwortungsvoll handeln, selbstwirksam lernen und sich als wertvolle Mitglieder der Gesellschaft erleben können. Durch die Verbindung von praktischer Arbeit, theoretischem Lernen und sozialem Miteinander entsteht eine Umgebung, die Jugendlichen ermöglicht, ihre Fähigkeiten zu entfalten- nicht losgelöst von der Realität, sondern mitten im Leben.Auch wenn Montessoris Ideal nicht immer vollständig umsetzbar ist, zeigt die Praxis: viele ihrer Ansätze sind hochaktuell und bieten Antworten auf die Herausforderungen heutiger Bildung. Der Erdkinderplan ist ein Plädoyer dafür, Jugendlichen mehr zuzutrauen, ihnen mehr Raum zur Entfaltung zu geben und Erwachsene als begleitende Vorbilder zu verstehen. Damit ist er ein bedeutender Beitrag zu einer zukunftsorientierten Pädagogik, die junge Menschen auf ihrem Weg zu den selbstbewussten, verantwortungsvollen Persönlichkeiten unterstützt.

Fazit: Der Erdkinderplan stellt die Bedürfnisse der Jugendlichen ins Zentrum. Er schafft einen Raum, in dem Jugendliche durch echte Erfahrungen Selbstwirksamkeit, Verantwortung und soziales Miteinander erleben. Auch wenn nicht alles genau umsetzbar ist, bleibt Montessoris Ansatz hochaktuell.

Quellen: 
Ela Eckert Erdkinderpla; Herder Verlag, Freiburg S. 39 - 49 und S. 64 - 80
Ulrich Steenberg, Handlexikon Zur Montessori Pädagogik, Kinders Verlag, S. 43 - 54
Montessori Landesverband, Wie wollen wir Leben?, Erdkinderplan, landesverband@montessoribayern.de
Nach oben scrollen